Der Einsturz des Kölner Stadtarchives

RENN UM DEIN LEBEN – UND DANN?

Manchmal verändert ein Tag ein ganzes Leben. Nicht immer nur eins. Was für die einen ein Einsturz ist, der ein Loch hinterlässt, ist für die anderen ein Beginn. Nichts ändert sich. Bis etwas passiert…

„Kamera?“ „Läuft!“ „Ton?“ „Läuft!“ „Übertragung auf Sendung: On!“ Es ist die erste Live-Übertragung ihres Lebens. Susanne ist nervös. Nie hätte sie gedacht, dass das so schnell geht. Keine zehn Minuten hat der Übertragungswagen vom WDR gebraucht, um hier zu sein. Fast so schnell wie die Krankenwagen. Neben dem WDR sind auch andere Medien wie RTL, Stern TV und natürlich die Zeitungen vor Ort. Als Augenzeugin und angehende Journalistin ist Susanne gefragt. Ihre ersten Live-Interviews meistert sie wie ein Profi. Es ist, als ob ein Traum wahr wird: Journalistin sein. Eine Karla Kolumna. Zur rechten Zeit am richtigen Ort. Live. Ganz nah am Geschehen. Doch das hier ist kein Traum. Das ist die Realität. Knallhart. Eiskalt. Als Susanne zum wiederholten Mal sagt: „Ich bin einfach nur gerannt…“ hält sie plötzlich inne. Ihr Gesicht wechselt die Farbe. Von hitzig rot zu kalkweiß. Schlagartig wird ihr schlecht. Und kalt. Sie könnte tot sein! Es gab Tote! Das hier ist die Realität! Und sie die rasende Reporterin. Mittendrin! Eine Mitarbeiterin vom WDR gibt ihr eine Jacke.

Ihre Wahrnehmung ist benebelt. Jemand bringt sie zum Rettungsbus. Was ist passiert? Verstört versucht sie, die Ereignisse der letzten Stunde zu rekonstruieren: es ist der erste sonnige Tag in diesem Jahr. Der 3. März 2009. Susanne sitzt auf den Treppenstufen vor dem Stadtarchiv, trinkt entspannt Kaffee und raucht eine Zigarette. Noch ahnt sie nicht, dass gleich eine fiese, graue Wolke über sie hereinbricht. Die nächsten 30 Sekunden verändern ihr Leben. Für immer. Doch gerade denkt die 25-jährige an nichts. Neben dem Journalismus-Studium jobbt sie für einen freien Redakteur. Ihre heutige Recherche ist fast beendet. Sie will nur eine kurze Pause einlegen. In einer Stunde muss sie sowieso in der Kölner Fachhochschule des Mittelstandes sein. Plötzlich rennen zwei Bauarbeiter auf sie zu. „Renn! Renn!“ brüllen sie und fuchteln panisch mit den Armen. Susanne steht verwundert auf, guckt irritiert, geht ein paar Schritte, steht vor der benachbarten Bäckerei, guckt. Nichts passiert. Die Bauarbeiter rennen an ihr vorbei in das Gebäude. Sie hört Rufe: „Raus! Raus! Alle sofort raus!“ Nichts passiert. Die Sonne scheint. Alles ruhig. Trotz U-Bahn- Baustelle im Untergrund. Dann sieht Susanne einen Riss in der oberen Gebäudewand. Der Riss zieht sich blitzschnell durch den Beton. Sie bekommt große Augen und weicht langsam zurück. Jetzt rutscht das ganze Gebäude und kippt nach vorn. Erschrocken wirft Susanne den Blick nach oben. Dort steht ein älteres Ehepaar am Fenster über der Bäckerei. „Das schafft ihr nie!“ denkt sie, dreht sich um und rennt.

Es kracht! Panik! Dreihundert Meter die Straße runter. Mit Staub auf der Zunge. Mit dem Schall in den Ohren hört sie nichts mehr. Susanne rennt! Wie im Nebelfeld registriert sie nur noch Momentaufnahmen: einen überschwappenden Kaffeebecher, einen Kaffeebecher auf dem Asphalt…dann sieht sie nichts mehr! Nur noch weiß. Sie rennt. So schnell wie noch nie. Dreißig Sekunden durch die Ewigkeit. Sie hustet. Atemnot. Als hätte man ihre Lunge geteert. Alles schmeckt nach trockenem Staub und Beton. Ihre Brust zieht sich zusammen. Wie bei einem Herzinfarkt. Panisch klammert sie sich an ihr Handy, ihre Geldbörse und den Spindschlüssel in ihrer Hand. Sie drückt fester. Und rennt. Ganz automatisch. Ihre Beine verlieren den Boden, als würde sie fliegen. Als sie den Schmerz des Schlüssels nicht mehr in ihrer Hand spürt, bleibt sie stehen. Susanne steht, blickt geschockt die Straße runter: eine unbewegliche Staubwand. Das historische Stadtarchiv ist wie ein Kartenhaus in sich zusammengefallen. Noch bevor sie klar denken kann, rasen eine Feuerwehrkolonne und Polizeiautos an ihr vorbei.

Sie starrt die riesige Nebelwolke aus grauschwarzem Staub an. Um sie herum sind ein paar Menschen. Gesichter nimmt sie nicht wahr. Im Affekt greift sie zum Handy. Polizei und Rettungsdienst sind schon informiert. Die Öffentlichkeit noch nicht. Sie muss berichten. Ganz automatisch wählt sie die Nummer ihres Chefs – keiner da. Nächste Nummer: Lokalzeitungsredaktion – keiner nimmt ab. Zum ersten Mal gebraucht sie die Privatnummer des WDR-Journalisten Herwig: „Das Archiv ist gerade eingestürzt“, übermittelt sie trocken. Unglaubwürdiges Schweigen. Sie fragt hysterisch: „Was soll ich jetzt machen?“ „Ich ruf dich zurück. Mach mal ’ne Meldung!“ antwortet er hastig und legt auf. „Wie? Meldung?“ denkt Susanne und versteht die Welt nicht mehr. Sie hat vergessen, dass sie eine angehende Journalistin ist. Die Straße ist abgesperrt. Ein Großteil der Rettungskräfte verschwindet im Nebel. Endlich erreicht die Studentin ihren Chef: „Sorry, die Rechercheergebnisse sind den Bach runter.“ Der versteht erst mal gar nichts. Susanne ist das egal. Hastig ruft sie ihren Freund Gereon an. Ihr Kopf schaltet plötzlich um. Aufgeregt ruft sie: „Ich bin am Arsch! Das ganze Archiv ist gerade eingestürzt! Laptop weg! Alles weg!“ Gereon reagiert geschockt: „Aber…dir geht’s gut?“ „Ja klar. Laptop weg.“ Hilflos legt sie auf. Es klingelt sofort wieder: „Bist du live-fähig?“ fragt der WDR2. „Ich weiß nicht.“ Susanne realisiert nicht, wovon hier gesprochen wird. „Der Ü-Wagen ist unterwegs. Natürlich bist du live-fähig!“ sagt der Journalist vom WDR. Es dauert einen Moment, bis sie begreift, dass sie gleich eine Live-Übertragung für das Fernsehen via Übertragungswagen sprechen soll. Wieder klingelt das Handy. Ihr Freund Gereon schreit sie an: „Du Verrückte! Was machst du? Bleib wo du bist! Ich komm’ dahin!“

Susanne geht los, um auf die andere Seite der Einsturzstelle zu kommen. Dort wird sie den Ü-Wagen treffen. Menschen telefonieren, laufen aufgeregt umher, suchen, weinen, gestikulieren wild oder stehen da wie erstarrt. Andere erkundigen sich nach der Notsammelstelle, um dort nach Vermissten zu suchen. Wiederum andere bieten den Rettungskräften ihre Mithilfe an. Die bisher 21 Betroffenen, die zum Einsturzzeitpunkt im Archiv gewesen waren, werden nacheinander von den Sanitätern behandelt. Hauptsächlich handelt es sich um Schocks. Eine Person wird in ein Krankenhaus gebracht. Ein Schock ist nicht nur ein psychischer Zustand, sondern eine lebensbedrohliche Unterversorgung des Blut- und Sauerstoffkreislaufes im menschlichen Körper. Die meisten Beteiligten sind unverletzt. Nur ihr Handeln weist auf eine Abfolge von persönlichkeitsbedingten Schock- und Kurzschlussreaktionen hin. Die einen brechen in Tränen aus, während andere ihre Verwandten abtelefonieren. Ein Student aus dem halb eingestürzten Nachbarhaus läuft ohne nachzudenken zurück in das nur noch zur Hälfte vorhandene Wohnzimmer, um vom Festnetz aus seine Mutter anzurufen. Verwirrt läuft Susanne zwischen den anderen Passanten auf der Kreuzung Löwengasse/Severinstraße umher und beobachtet das Geschehen. Dann kehrt ihre Fassung zurück. Susanne ist anders. Wenn es eng wird, fängt sie an zu funktionieren! Ein Mitarbeiter aus dem Archiv kommt auf sie zu und drückt ihr eine Visitenkarte in die Hand: „Hier. Wegen der Sachen.“ Ein Feuerwehrmann winkt sie zu sich und fragt nach Vermissten. „Weiß nicht. Das Ehepaar vom Fenster hat’s doch geschafft. Die hab’ ich gesehen“, berichtet sie knapp.

Bis hierhin kann sie sich erinnern. Dann ist der Rettungsbus erreicht. Dort wird sie registriert. Jemand hängt ihr eine grüne Katastrophenkarte vor die Brust. Die Farben Grün, Gelb und Rot stehen für die Schwere der Verletzungen, Schwarz für tot. Jetzt beginnt für Susanne der schlimmste Teil des Tages. Im Bus wickelt jemand sie in eine Wärmedecke. Sie muss sitzen, kann sich nicht mehr mit Arbeit ablenken. Der Schock fängt an zu wirken. Die 25-Jährige beginnt zu kindeln. Immer wieder fragt sie die Ärztin: „Und jetzt? …Und was machen wir jetzt? …und nun?“ Sie bittet sogar um Erlaubnis, eine Zigarette rauchen zu dürfen. Die Ärztin antwortet absichtlich schroff: „Du bist doch über 18, oder etwa nicht?“ und reißt sie damit aus ihrem Trauma.

Susanne kann nicht mehr, kann sich nicht halten. Sie stürzt sich in die Arbeit, geht zurück zu den Journalisten und arbeitet mit ihnen, bis es dunkel wird. Ihr Freund weicht ihr nicht mehr von der Seite. Er ist es auch, der sie irgendwann im Dunkeln nach Hause bringt.

Beide haben zwar realisiert was passiert ist, doch das Unglück ist noch nicht verinnerlicht. Als sie beim Lieferservice in der Nachbarstraße Pizza bestellen wollen, wundern sie sich, warum das nicht geht. An diesem Abend kommt Susis Freundin und Mitstudentin Sarah zu Besuch. Sie weint. Auch Gereon hat einen Realisationsmoment, als er neben ihr sitzt, plötzlich Susannes Bein packt und „Mensch!“ raunt. Susanne bemerkt, dass es für die anderen schlimmer ist, als für sie selbst. Im Ernstfall wäre für sie nur das Licht ausgegangen. In den Nächten danach schläft sie schlecht. Im Alltag funktioniert die disziplinierte Studentin wie immer. Nur dass sie auf Geräusche empfindlich reagiert und manchmal hektisch anfängt, mit den Augen die Umgebung abzusichern. Vier Tage nach dem Einsturz merkt sie, dass das Ereignis ihr doch gewaltig zugesetzt hat. Sie sucht eine Psychologin auf und hat eine posttraumatische Belastungsstörung. Wenn das nicht behandelt wird, kann eine schwere Form der Belastungsstörung daraus werden. Eine Woche nach dem Vorfall kauft sie sich den gleichen Kalender und den gleichen MP3-Player, welche sie vor dem Einsturz besessen hat. Von dem Geld, das sie mit den Medienauftritten verdient hat, schenkt sie sich einen neuen Laptop.

Der erste Sonnentag im Jahr 2009 veränderte das Leben vieler Menschen. Für manche war es nicht nur der Einsturz eines Hauses, sondern der Einsturz ihres Lebens. Einige Opfer waren nach der Tragödie psychisch nicht in der Lage, sich eine neue Wohnung zu suchen. Eine alte Dame nahm sich sogar das Leben. Das Archiv hat ein Loch im Boden hinterlassen. Und zwei Söhne, die bei dem Unglück ums Leben kamen, ein Loch im Leben ihrer Mütter. Aber ein Einsturz kann auch Umbruch sein. Für Susanne sprang ein Job beim WDR raus. Sie ist seitdem entspannter und nicht mehr so karriere- und zukunftsorientiert wie vor dem Einsturz. Grundsätzlich nimmt sie jetzt vieles gelassener, bleibt druckfrei und regt sich weniger auf. Sie sieht den 3.März als Zeichen dafür, dass jemand nicht nur möchte, dass sie weiter lebt, sondern auch, dass das Bestmögliche dabei herauskommt. Wenn man die junge Studentin heute, nachdem sie einmal wirklich um ihr Leben gerannt ist fragt, wie es ihr geht, antwortet sie gelassen: „Läuft!“ (März 2009, 221-online, Studentenprojekt im Rahmen des Bachelorstudienganges Journalismus an der FHM Köln)

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