„Ich hasse an mir die Körperstellen, die Männer gerne berühren“

Sie nennt sich „Diagnosebraut“. Im zweiten Teil des Interviews spricht Sarah Lings* über ihr Leben als Grenzgängerin zwischen Kummer und Kampf. Mit 14 Jahren war sie ein halbes Jahr lang in der offenen und geschlossenen Jugendpsychatrie. Durch Trauma entwickelte sie schon in ihrer Kindheit eine Borderline-Persönlichkeitsstörung. Darüber hinaus hat sie mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS), Magersucht, einem starken Suchtverhalten und Depressionen zu kämpfen. Heute ist sie 19 Jahre alt. Und kann darüber reden.

Sarah, ein Blick genügt…

Ja, verdammt! In der Straßenbahn fühle ich mich oft beobachtet. Alleine kann ich manchmal nicht einkaufen gehen. Ich brauche jemanden, der bei mir ist und mich von den vielen Blicken ablenkt. In öffentlichen Menschenmassen kommt die Angst. Oft denke ich, ich wäre aufdringlich, naiv, langweilig, zu laut, zu leise und zu eigenartig.

Aber das bist du nicht. Eher wirkst du ruhig und selbstbewusst. Woher nimmst du diese Ruhe bei deiner ganzen Unsicherheit?

Meine Therapie stärkt mich. Sie ist tiefenpsychologisch fundiert und funktioniert. Vorher habe ich verhaltensorientierte Therapien gemacht. Das ist meistens schief gegangen.

„Vorher“ war, als du mit 14 Jahren ein halbes Jahr lang in der offenen und geschlossenen Jugendpsychartrie warst?

Ja. Ich konnte nicht mehr. Damals habe ich ein Jahr lang an Magersucht gelitten. Dann habe mich selbst einweisen lassen. Zum Glück war gleich ein Platz frei. Dort besuchte ich Reit-, Ergo- und Physiotherapien, Gesprächs- und Gruppentherapien. Damals konnte ich noch nicht artikulieren, was mir fehlt. Oder wie ich mich fühle. Also wurde nach Plan gegessen. Wenn ich nicht das geforderte Gewicht zunahm gab es Sanktionen. Damit fühlte ich mich nicht ernst genommen.

Wie ging es weiter?

 Ich nahm zu. Doch Therapieerfolge waren nicht in Sicht. Dadurch wurde mein Selbsthass zerstörerisch stark. Ich ritzte mich heftiger als vor der Klinikzeit. Mit zwei Mitpatienten schmiedete ich Suizidpläne. Von einer anderen Patientin lernte ich, mich nach dem Zwangsessen zu übergeben und wurde manisch. Wegen „Therapiemüdigkeit“ wurde ich mitten in der Behandlung über ein Wochenende entlassen. Dem Klinikpersonal verzeihe ich bis heute nicht, dass auch sie mich alleine gelassen und aufgegeben haben. Wegen Suizidversuchen landete ich auf der Intensivstation. Dann auf der geschlossenen Station.

Ihr Gesicht möchte sie nicht zeigen, deswegen hält sie die Hand davor. Hinter ihr an der Wan hängen die Sprüche-Karten. EIne davon ist von ihrer Therapeutin.

Was für Menschen hast du da getroffen?

Da waren Kinder, die nicht in die Schule gehen konnten, weil sie Angst hatten oder gemobbt wurden. Viele haben sich selbst verletzt. Es gab allerhand Diagnosen: Depression, Essstörungen, Drogenpsychosen und Manien. Wer neu dazu kommt, wird sehr vorsichtig und mitfühlend ausgequetscht, warum er da ist. Daraus sind Freundschaften entstanden. Wir haben auch jetzt nach fünf Jahren noch Kontakt. Ein Mädchen ist meine Seelenverwandte. Wir ticken gleich, hatten immer die gleichen Beschwerden, Symptome und eine sehr ähnliche Vorgeschichte. Inzwischen ist sie auf einem gleichen guten Genesungsweg wie ich und studiert Psychologie.

Und dann hast du deine Diagnosen bekommen. Borderline-Persönlichkeitsstörung, PTBS nach Extremsituationen, Magersucht, Depression. Das hört sich schlimm an. Wie war das für dich?

Sorry, wenn ich über diese Frage schmunzeln muss. Die meisten Menschen verkrampfen darauf. Niemand ist gestört. Oder alle. Ich witzle gerne darüber. Denn diese Betitelungen existieren hauptsächlich für statistische Zwecke, für die Krankenkassen und übergreifende Behandlungen.

Ein Synptom der Borderliner ist das „Magische Denken“. Hast du ein Beispiel dafür?

 Wenn meine Mutter Brötchen holen ging, konnte ich sie über das Hoffenster beim Weggehen beobachten. Ich sollte damals immer den Kaffee kochen. Wenn der Wasserkocher nicht ausging, bevor sie den Hof verlassen hatte, bekam ich Panik und dachte, ihr passiert etwas. Dieses Magische Denken habe ich nicht mehr so stark, aber die Zwänge mit den Reihenfolgen sind geblieben.

Welche Zwänge?

 Die fingen bei mir schon als Kind an. Ich musste beim Treppensteigen richtige Zahlenfolgen beachten, oder noch einmal runter laufen. Meinen Alltag erledige ich nach bestimmten Reihenfolgen. Beim Essen werden bestimmte Dinge zuerst gegessen, so und so oft wird gekaut. Jeden Morgen gehe ich auf die Waage. Dafür abends gar nicht mehr. Wenn ich diese Rituale nicht einhalte, geht es mir sehr schlecht.

Woran liegt das?

Ich hasse an mir die Körperstellen, die Männer gerne berühren.

Und das führt zu Schwierigkeiten in „normalen“ Beziehungen?

In zwischenmenschlichen Beziehungen habe ich durch meine Selbstzweifel starke Probleme. Die Berührungsprobleme lassen in letzter Zeit sehr nach, wofür ich dankbar bin. Neulich habe ich mich sogar bei der Bewegungserziehung von einem Mann massieren lassen können. Zwar mit dem Igelball, mit den Händen ging es noch nicht, aber es war ein großer Fortschritt.

Und seitdem?

Nach der Klinik war es schwer, mich wieder in dieser kalten, unpersönlichen Leistungsgesellschaft einzufinden. Diese Gesellschaft ist krank. Natürlich kann ich nicht alle über einen Kamm scheren. Aber am seltsamsten sind für mich die Menschen „draußen“. Sie sind oft abgestorben, persönlichkeitslos und bewertend.

Bist du eine Schubladendenkerin?

 Natürlich denke ich in Schubladen. Das tut jeder Mensch. Auch wenn er es nicht will. Manchmal denke ich nur an das Gute im Menschen. An anderen Tagen weiß ich, dass der Mensch von Grund auf böse ist. Trotz meiner schlimmen Erfahrungen steht es mir nicht zu, allwissend Platzkarten zu verteilen. Also halte ich meine Schubladen permanent durchlässig und offen für neue Erfahrungen. Ich sortiere meine Eindrücke und mache Pläne. Ich nehme die Menschen, wie sie sind. Auch wenn sie behütet aufgewachsen sind, bleibe ich offen und bewerte sie nicht direkt als „zu bewertend und dabei nicht einmal selbstkritisch“.

Wie bewertest du dich selbst?

Es gibt bei mir gute und schlechte Leistungen. Es gibt Tage, an denen ich dünn bin, und Tage, an denen ich fett bin. Nie etwas dazwischen. Ich stehe immer zwischen zwei Extremen. Es gibt Nahrungsmittel, die ich über mehrere Wochen essen kann und welche, die ich niemals anrühren würde. Da kommt vor allem meine Magersucht ans Licht.

Kannst du deine Stärken sehen?

Bekannte sagen oft, sie kennen niemanden sonst, der so viel Schlimmes durchlebt hat und dabei so stark ist, wie ich. Langsam kann ich das annehmen, was andere sagen. Bis vor ein paar Jahren habe ich selbst noch auf das absolute Gegenteil geschworen. Doch nach und nach werden die positiven Seiten, die ich an mir entdecke und annehmen kann, endlich mehr.

Ist das ein Erfolg?

Ja. Ein großer! Am Anfang der Therapie schenkte mir die Therapeutin eine Karte. Darauf stand: „Wenn es einen Glauben gibt, der Berge versetzen kann, so ist es der Glaube an die eigene Kraft.“ Ich war nicht sicher, ob es eine Aufforderung oder eine Feststellung sein soll. Heute weiß ich, es war beides. Sie konnte in mir die Stärke sehen, die ich sie selbst noch nicht erkannt hatte. Die Karte hängt über meinem Bett und erinnert mich jeden Tag an all meine Erfolge, die ich ohne fremde Hilfe erzielt habe.

*Name von der Redaktion geändert

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One response to “„Ich hasse an mir die Körperstellen, die Männer gerne berühren“”

  1. Sinan Gür says :

    Du bist ein liebes Wesen, kein echter Mensch würde Dich herabsetzend über Dich hergehen, das tun Leute, die nie menschliche Stärken entwickeln konnten.

    Die Herausforderungen des Lebens, zu überleben, in einer kommerz geprägte Industrie, Gesellschaften sind machbar, sogar manchmal mit einem Lächeln.

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