Ihr Täter meint, psychisch Kranke gehören nicht in diese Welt

Bei der bundesweiten Hilfeorganisation „Weißer Ring“ suchen jährlich zehntausende Opfer von Gewaltdelikten, sexuellem Missbrauch oder Kindsmisshandlung Hilfe beim Absprung. Ihr Ziel: Raus aus der Gewalt. Doch das neue Leben ist erst einmal geprägt von Psychotherapie und sozialer Isolation. Die anonyme Bloggerin C. erkrankt 5 Jahre nach der Gewalt  an einer posttraumatischen Belastungsstörung und Depression. Den Weg vom Regen in die Traufe beschreibt sie in ihrem Blog „Stille Tränen“.

Es fing schon in der Kindheit an. Der Vater misshandelte sie. Schläge, Tritte, Beschimpfungen, Einsperren und Spülmittel, das sie in die Augen gekippt bekam, waren Alltag. „Das Schlimmste von allen waren aber die Beschimpfungen“, erzählt die Betroffene. Einmal sei eine Lehrerin auf die Misshandlungen im Elternhaus aufmerksam geworden und  habe sich eingeschaltet. Danach hätten sich die Konsequenzen zuhause verstärkt. Oft entsteht ab diesem Punkt eine Schweigespirale. Auch im Fall der jungen Bloggerin.

Zur körperlichen Misshandlung kam die psychische Gewalt durch den Onkel, der mehrfach gedroht habe, sie umzubringen. Die Polizei sei gekommen und wieder gefahren, ohne den Onkel oder Vater zu verhaften. Die Polizei kann nur eingreifen, wenn es zur Anzeige kommt. Oft scheuen die Opfer davor zurück. Im Jahr 2004, als sich die Vorfälle ereigneten, wurden laut Polizeikriminalstatistik 2.916 Misshandlungsfälle von Kindern mit 3.390 Opfern erfasst. Diese Zahlen ähneln denen der Krankenhausstatistik für psychische Folgen von Extremsituationen, die auch Jahre danach erst ausbrechen können. Wegen psychischer Reaktionen auf schwere Belastungen werden laut statistischem Bundesamt jährlich über 68.000 Patienten in Krankenhäusern behandelt. Davon leiden circa 3.000 Patienten im Alter zwischen 15 und 30 Jahren an PTBS.

Beim Weißen Ring werden in 420 bundesweiten Außenstellen jährlich zigtausende neue Opferfälle versorgt. „Es sind meist Frauen oder Kinder, die sich aus häuslicher Gewalt, Kindsmisshandlung oder Sexualdelikten retten“, erklärt Diplom-Psychologe Karl-Günther Theobald. „Männer können sich nur schwer eingestehen, Opfer geworden zu sein.“ Wenn ein neuer Fall beim Weißen Ring eingeht,  trifft sich einer der 3.000  ehrenamtlichen Mitarbeiter mit dem Opfer zuhause oder an einem öffentlichen Ort. Sie bieten Hilfe zur Selbsthilfe mit Kontakten zu Psychotherapeuten, Versorgungsämtern, Polizei, Rechtsanwälten und anderen Möglichkeiten wie die Flucht in Frauenhäuser, um der Situation schnell zu entkommen. Durch Spendengelder hat die Organisation die Möglichkeit, jedem Opfer einen Rechtsberatungscheck zu stellen. Doch oft kommt es gar nicht erst zur Anzeige. „Opfer von Straftaten haben häufig erlebt, dass sie die Kontrolle über ihr Dasein verlieren. Wir nehmen ihnen die Entscheidung über ihre Zukunft nicht ab, denn dann würden wir sie im alten Schema lassen“, erklärt der Psychologe. Dahinter steckt „ein ambivalentes Verhältnis zu ihren Tätern. Sie lieben den Vater und verzweifeln daran“, so Theobald weiter. „Dazu kommt die Angst, als Nestbeschmutzer aus der Familie gestoßen zu werden.“

Die Bloggerin ist ihren Weg ohne Ambivalenz und Opferhilfsorganisation gegangen. An ihrem 18. Geburtstag ergreift C. die Flucht und zieht von zuhause aus. Danach schließt sie ihre Ausbildung als Chemielaborantin mit einem Notendurchschnitt von 1,5 ab. Doch mit 23 Jahren bricht sie psychisch und körperlich zusammen. Der Hausarzt stellt eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) und eine Depression fest. „Meine Eltern wollten mir nicht glauben und meinten nur, ich solle mich mal nicht so anstellen. So schlimm könnte so was ja alles nicht sein.“ Verantwortung zu übernehmen ist für die Täter und Mitwisser schwer, Auch bei C.’s Tätern: „Von meiner Familie wird immer noch behauptet, ich würde lügen, würde mir alles ausdenken, um sie fertig zu machen.“

PTBS tritt nach Extemsituationen auf. Manchmal auch erst Jahre danach. Die Ursache ist ein Trauma, eine Art seelische Wunde, die die Ereignisse hinterlassen hat. Ein Teil im Gehirn ist „verletzt“ und somit nicht in der Lage, das Erlebte zu verarbeiten. Die Familie versteht nicht, warum die Tochter plötzlich „grundlos“ mit Nervosität, Alpträumen, Herzrasen, Schweißausbrüchen und Zittern kämpft. Zu den Panikattacken kommen Alpträume, Schlafstörungen und Konzentrationsprobleme. „Es gibt Wochen da ist mir so übel, dass ich nichts essen kann“, beschreibt die Bloggerin ihre Qualen. Ihr sei nach Sterben zumute. In einer tiefenpsychologischen Klinik wird ihre Depression behandelt. Bevor es in die Traumatherapie geht, müssen die Patienten stabil sein. Das kann Jahre dauern. Ihre Eltern riefen in der ganzen Zeit nicht einmal an, berichtet die Betroffene. Und ihr Vater meine sowieso, psychisch Kranke gehören nicht in diese Welt

Nach der stationären Therapie schreibt C. in ihren Blog, es sei ihr nicht gut, aber sehr viel besser gegangen. „Ich kann wieder weinen, was ich seit 5 Jahren nicht mehr konnte.“ Sie beschreibt, dass durch das jahrelange Durchhalten ihre Authentizität verschoben sei. Dass ihr Lachen immer nur ein aufgesetztes Lachen war merkte keiner. „Meine Gefühle kann ich immer noch nicht komplett zeigen“, gibt sie zu. Sie schaffe es nicht, ihre Maske vollständig abzusetzen. Wenige Wochen nach der Klinik arbeitet sie wieder, braucht aber viel Ruhe und Schlaf. Dann erfährt sie, dass sich ihr Onkel erhängt habe. Auf der Beerdigung werden die Hintergründe für das Verhalten des Onkels, welches die junge Frau so krank gemacht hat, klarer. Er soll an Depressionen erkrankt gewesen sein und keine Hilfe angenommen haben. Wieder wird C. von Emotionen überflutet. „Ich kann meine Gefühle nicht einordnen, bin sprachlos“, beschreibt sie ihre damalige Gefühlssituation. Experten nennen diese Sprachlosigkeit „speechless terror“, als Bezeichnung für das sprachlose Entsetzen über die Ereignisse, was über die Patienten hinein bricht. PTBS bringt auch körperliche, sogenannte psychosomatische Reaktionen mit sich: C. bekommt eine schwere Nesselsucht.

Vier Monate später stirbt die Mutter. Wieso, geht aus dem Blog nicht hervor. Die übrige Familie versucht den Kontakt zu der Nestflüchtigen zu halten. Doch sie habe ihre Adresse nicht herausgegeben. Schritt für Schritt bricht die junge Autorin mit ihrer Vergangenheit. Die Einträge werden zusammenhangsloser und kürzer. Was auf den ersten Blick wie der Ausdruck von Verwirrung scheint, könnte auch eine Art der Verarbeitung sein. Durch die Verwendung von anderen Begriffen wie  „alte Bekannte“ statt „Familie“ wird deutlich, wie sie Distanz von den Ereignissen gewinnt. Bis Oktober 2010 war sie wieder in der Klinik und wurde danach von November 2010 bis Januar 2011 auf einer Traumastation behandelt. Von der Diagnose PTBS im Jahr 2009 bis zur Behandlung waren eineinhalb Jahre vergangen. Die Traumatherapie habe ihr sehr geholfen. „Dennoch gibt es noch viele Höhen und Tiefen. Mehr als vorher um ehrlich zu sein.“ Mit ihrer Familie hat sie keinen Kontakt mehr, außer über Anwälte. Sie schreibt sie wünscht sich nichts mehr, als nicht geboren zu sein. Dann hätte sie diese schrecklichen Erfahrungen und ihre problemematischen Auswirkungen von heute nicht. Im Gästebuch sind ein paar Besuchereinträge mit großen Zeitabständen. Der Versuch C. per E-Mail zu erreichen scheitert zuerst. Auch der Gästebucheintrag wird nicht frei geschaltet. Das Blog steht still. Einige Wochen später meldet sie sich doch. Es geht ihr „nicht so super“.

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One response to “Ihr Täter meint, psychisch Kranke gehören nicht in diese Welt”

  1. Moon Stegk says :

    Opfer von Straftaten erhalten beim WEISSEN RING Beratungsschecks für eine juristische und eine psychotraumatologische Erstberatung.

    Außerdem übernimmt der WEISSE RING auch die Kosten für eine rechtsmedizinische Untersuchung.

    Durch die rechtsmedizinische Untersuchung wird eine gerichtsverwertbare Spurensicherung gewährleistet. Die Entscheidung, ob eine Vergewaltigung angezeigt wird, muss das Opfer nicht direkt nach der Tat treffen.

    Informationen über die Opferhilfe des WEISSEN RINGS gibt es auch auf blog_gestalttherapie_luebeck
    http://gestalttherapieluebeck.wordpress.com/2012/06/12/weisser-ring-opferhilfe/#more-287

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