Können Gesprächspsychologen PTBS heilen? Nein.

Prof. Dr. Stefan Jacobs bietet EMDR mit Biofeedback an. Er ist Traumaexperte und Wissenschaftler am Georg-Elias-Müller-Institut für Psychologie der Universität Göttingen. Im Interview erklärt er, wie eine Traumatherapie funktioniert.

Herr Jacobs, was ist normal?

Schwer zu sagen. „Normal“ ist kein diagnostisch gängiger Begriff. Im Prinzip ist jeder normal. Nur manchen Menschen geht es nicht gut, weil sie eigentlich krank sind. Wenn die Psyche krank wird, nennt man das Störung. Wenn jemand unter seiner Psyche leidet, dann ist das nicht normal.

Wie wird man denn „nicht normal“?

Es gibt Ereignisse im Leben, da gerät ein Mensch in Todesangst. Ich kenne einen Mann von der Katastrophe bei der Flugshow von Ramstein. Bei dem Unglück sind seine Frau und Kind dort verbrannt, als die Flugzeuge in das Publikum abstürzten. Er kann das Erlebnis nicht vergessen. Viel schlimmer noch: Jedes Mal, wenn er den Geruch von Benzin oder Verbranntem riecht, bricht ihm der Schweiß aus, und das Herz beginnt zu rasen. Nicht nur das. Auch der Duft von Erde und Gras reichen aus. Diese Auslöser werden Trigger genannt. Durch sie werden einfache Sachen wie Rasen mähen, Grillen oder das Auto volltanken zum Problem.

Dann wird der Alltag unmöglich.

Genau. Die Menschen isolieren sich meistens selbst, sagen Einladungen ab und vermeiden es, am Leben teilzunehmen. Das ist ein Selbstschutz, weil sich die Angstspirale nicht so leicht lösen lässt. Die Menschen im Umfeld verstehen oft nicht, dass es sich um eine Form der Angst handelt, die sie nicht unbedingt kennen. Manche verwechseln diese Existenzangst mit Höhenangst oder Flugangst.

Wo liegt der Unterscheid?

Eine posttraumatische Belastungsstörung ist komplizierter. Wer Höhenangst hat, gerät in der Höhe in Panik. Er beginnt zu zittern und ihm wird schlecht, wenn er nach unten sieht. Da kann jeder genau nachvollziehen, dass diese Angst an der Höhe liegt, der Zusammenhang ist klar. Man kann das Problem vermeiden, und es stellt keine Behinderung im Alltag dar, solange man kein Dachdecker wird. Viel schwieriger ist es, wenn jemand eines Tages beim Rasen mähen denkt er bekommt einen Herzinfarkt und muss sterben, ohne zu wissen, dass sein Körper wegen des Grasgeruchs in Panik gerät.

Werden solche Ängste zwingend durch traumatische Erlebnisse ausgelöst?

Nein. Bei einer Naturkatastrophe wie dem Tsunami in Japan bekommen circa fünf Prozent der Beteiligten PTBS. Das Ereignis kann so schockierend sein, dass das Gehirn das Erlebnis abspeichert, aber nicht verarbeitet. Dann sagt das Gehirn,bzw. die Amygdala (Angstzentrale) im Alltag später „Du bist in Lebensgefahr“, wenn gar keine reale Lebensgefahr besteht.  30 Prozent der Soldaten, die in den Krieg ziehen, werden entwickeln ein Trauma. Sie ertragen es dann nicht, Schussgeräusche zu hören. Schlimmer ist es bei Menschen, die sexuelle Gewalt oder sexuellen Missbrauch erleben. Da liegt die Wahrscheinlichkeit einer PTBS sogar bei 60 Prozent.

Kann eine Mutter sich selbst, ihr Kind oder ihren Ehemann also eigenständig diagnostizieren und PTBS erkennen?

Natürlich nicht. Laien erkennen PTBS höchstens an den ungewollten und ständig wiederkehrenden Erinnerungen oder ewigen Überreaktionen, Reizbarkeit und Unruhe. Doch jeder kann selbst seinen Liebsten nur vor den Kopf und nicht in sie hineinschauen. Eine Mutter erkennt eine Traumatisierung höchstens durch die Schlafstörungen ihres Kindes, wie lange es wach bleibt, an Schlaflosigkeit, an Unruhe und an Albträumen. Auch Konzentrationsprobleme in der Schule könnten ein Zeichen für PTBS sein. Oder auch Angst vor Dingen, die grundsätzlich möglich sein sollten, wie alleine zu Hause bleiben oder in die Schule gehen zu können.

Wir wissen nun, welche Symptome von PTBS es gibt.  Wie läuft dann im Anschluss Ihre Therapie ab?

Ich setze auf ein kognitives, verhaltenstherapeutisches Verfahren und EMDR mit Biofeedback. Das heißt, es finden zunächst ein paar analytische Gespräche statt. Dann gehen wir an den Kern des Problems mit akustischen, optischen oder körperlichen Reizen.  Während der Behandlung messen wir den Hautwiderstand. Bei Angstattacken steigt die körperliche Erregung an. Der Mensch steckt in einem Zustand der erhöhten Erregbarkeit fest, mit Kreislaufproblemen, Schweißausbrüchen und Herzrasen. Mit EMDR können wir die Erregung runterfahren. Erst wenn der Körper wieder im Normalzustand ist, kann das Gehirn das Trauma verarbeiten.

Wie funktioniert das?

Nun, ein Trauma ist eine Art Wunde im Gehirn. Eine Patientin von mir war eine erfolgreiche Schwimmerin, wurde von zwei Männern vergewaltigt und nach der Tat in eine Schleuse geworfen. Sie hat überlebt, weil sie gut schwimmen konnte. Das Gehirn speichert in Extremsituationen Informationen ab und verknüpft sie mit dem Gefühl von Lebensgefahr. Ein Bild unter Wasser was das Aufsteigen der Blasen, dazu kam das Geräusch des Wasserrauschens in der Schleuse. Nach dem Erlebnis bekam sie jedes Mal beim Rauschen von Wasser Todesangst. Da mussten wir dann heraus finden, auf welchem Sinneskanal die Informationen gespeichert sind. Ob akustisch oder optisch.

Damit Sie das Trauma, je nachdem wie das Gehirn es gespeichert hat, akustisch, optisch oder gefühlt bearbeiten können?

Richtig. Es gibt drei Arten von EMDR. Der Mensch muss sich in die schlimme Situation zurückversetzen. Dann folgt eine Stimulation. Entweder mit dem Köpfhörer und verschiedenen Tönen, mit Licht und Bewegungen oder mit sogenanntem „tapping“. Das funktioniert mit wechselseitigem Klopfen auf die Handflächen oder mit Vibratoren, die der Patient in den Händen hält. Durch das Biofeedback, also die Messung des Hautwiderstandes, können wir erkennen, ob die Traumatherapie wirkt. Wenn die Erregung runter geht, hat das Gehirn eine Chance sich zu normalisieren.

Ich habe gehört, das dauert Jahre, bis eine posttraumatische Belastungsstörung überwunden ist. Wie lange dauert eine effektive Traumatherapie?

Bei der Schwimmerin waren es 27 Sitzungen. Es geht ja auch darum, ein negatives Erlebnis umzustrukturieren. Die Vergangenheit kann man nicht ungeschehen machen. Aber man kann dafür sorgen, dass das Leben weiter geht. Im Optimalfall wird aus „Ich habe Angst zu ertrinken“ wieder „Ich möchte wieder unbefangen schwimmen“. In vier oder fünf Sitzungen haben wir EMDR gemacht. Danach ist sie ganz langsam mit ihrem Freund wieder ins Schwimmbad gegangen. Erst ins Kinderbecken, später dann ins größere Becken. Heute kann sie wieder ganz normal schwimmen.

Ist das eine Ausnahme oder die Regel, dass es nur um die 30 Sitzungen dauert?

In der Regel dauert eine Traumaüberwindung 20 bis 30 Sitzungen. Davon sind zwei oder drei Sitzungen mit EMDR. Manchmal geht es auch schneller. Bei mir war ein junger Mann, der den Amoklauf von Erfurt erlebt hat und zusehen musste, wie sein Lehrer erschossen wurde. Heute geht es ihm gut. Nach zehn Sitzungen war alles okay, einschließlich der Tatortkonfrontation, also dem Besuch der Schule.

Die Therapiedauer kommt mir reichlich kurz vor. Wie kann es sein, dass die meisten Traumatisierten jahrelang in Therapie sind?

Das liegt daran, dass die Kollegen zu wenig über wirkungsvolle Traumabehandlung wissen. Sie wenden Gesprächstherapie und tiefenpsychologische Analyseverfahren an. Das bringt jedoch nicht viel. Sie können jahrelang über ein Trauma sprechen, ohne dass sich was ändert! Ein Trauma verändert die Angstzentrale im Gehirn unddamit den körperlichen Erregungszustand des Menschen. Es gilt zu erreichen, dass die Erregung herunter  fährt. Stundenlanges Reden kann den Zustand sogar noch verschlimmern. Die Wahrscheinlichkeit einer Retraumatisierung besteht.

Warum haben Psychologen in Deutschland zu wenige Kenntnisse über effektive Traumatherapie?

Das Verfahren ist im Ausland mehr anerkennt als in Deutschland. In Deutschland gibt es zu wenig Traumaexperten. Das sieht man schon an den Wartezeiten in den Kliniken. Oft ist es schwierig, überhaupt einen Therapieplatz zu bekommen. „Normale“ Psychologen beherrschen die Behandlungsmethode nicht. Lange war es so, dass in einem fünfjährigen Studium zum psychologischen Psychotherapeuten ein Wochenendseminar für die Traumaschulung investiert wurde. Doch langsam werden die Ausbildungen für Psychotherapeuten verbessert.

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2 responses to “Können Gesprächspsychologen PTBS heilen? Nein.”

  1. Anonym says :

    Ich hörte nur von meinem „Borderlinetherapeuten“, dass EMDR auch keine Methode sei, die für mich geeignet ist.
    Aber mit Borderline und PTBS wäre ich das nach angemessener Stabilisierung schon! Und hätte mir das Leben an der Uni erleichtert.

    Jeder Therapeut, jeder Psychiater und jede Klinik ist nur an dem eigenen Überleben interessiert.
    Es wird mir immer nur das schmackhaft gemacht, was dem eigenen Repertoire entspricht. Und wird mit allen legalen Mitteln, sprich Druck und Manipulation oder sogar mit „Behandlungsverträgen“ zum Bleiben gebracht!

    Im Falle einer Klage vor der Psychotherapeutenkammer kann mit jeglichen Theorien argumentiert werden, solange sie in der Geschichte der Psychoanalyse seid Freud auftauchen!!!
    Und das ist ein Skandal!
    Gegen die (Serien-!)täter kann man gerichtlich nichts ausmachen, da sie höchstens in die Kartei kommen, aber gegen die (Fehl-)behandler genausowenig!

    Niemand weiß, dass der absolute Großteil der psychsichen Krankheiten auf seelischen und sexuellen Missbrauch/ körperliche Misshandlungen zurückzuführen sind.
    Und diese Straftaten fangen in der Kernfamilie an. Ich betone bewußt ANFANGEN, denn als ehemaliges Opfer ist man/frau predistiniert, wiederum ein Opfer von Gewalt zu werden…
    Es ist ein Kreislauf von Gewalt, der bei den eigenen Eltern anfängt, in der Schule und auf dem Arbeitsmarkt weitergeht und manchmal durch die Behandler noch verstärkt wird.
    .
    Die Kosten der Behandlung der Persönlichkeitsstörungen, Depressionen und Psychosen gehen in die Milliarden!

    Und das ist ein selbstproduziertes Problem!

    Wenn niemand mehr krank ist, wer hat dann noch Arbeit?

  2. Sonja Sannert says :

    Ich wäre glücklich, wenn es niemanden mehr gäbe, die/der unter den Folgen von Missbrauch etc. leiden würde. Das ist ein Traum und vielleicht bleibt es einer. Aber so lange es nun mal so ist, werde ich mein bestes tun, um Menschen bei ihren Schritten zur Heilung zu unterstützen – damit der von „anonym“ beschiebene Kreislauf unterbrochen wird. Wenn ich eines Tages nicht mehr gebraucht werde, mach ich andere Dinge, die ich als sinnvoll empfinde.

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