Ein Tagebuch als Therapie

Die ersten Ergebnisse der Studie „Lebenstagebuch“ zur neuen Therapiemethode „Integrative Testimonial Therapy“ seien vielsprechend, berichtet die Onlineausgabe der Welt. Die Traumaforscher Philipp Kuwert und Professor Christine Knaevelsrud von der Universität Greifswald lassen ältere Menschen ihre unverarbeiteten Kriegserlebnisse nieder schreiben. Die Teilnehmer berichten mehrheitlich von besserem Schlaf und mehr innerer Ruhe.

Die „Integrative Testimonial Therapy“ ist eine biografisch basierte Zeugnistherapie für Menschen, die an einer posttraumatischen Belastungsstörung erkrankt sind. Hierbei wird mit Hilfe eines Tagebuchs über traumatische Erlebnisse, die oft Jahre zurück liegen, das Erlebte verarbeitet. Menschen, die schwere Gewalt, Krieg, Missbrauch oder Misshandlung erlebt haben leiden oft viele Jahre nach dem Ereignis unter Schlafstörungen, Zittern, Unruhe, Übelkeit, Alpträumen und Angstzuständen. Nicht immer kann das Gehirn alle Eindrücke auf gesunde Weise verarbeiten. Nach unerwarteten Schockerlebnissen kann die emotionale Verarbeitung ausbleiben. Das Gehirn speichert das schreckliche Erlebnis auf eine andere Weise ab, als weniger intensive Alltagserinnerungen. So bleibt das Trauma auf einer unterbewussten Ebene aktiv. Dadurch entstehen Erinnerungslücken, Unruhe, Gedankenspiralen, Panikattacken und häufige emotionale Überreaktionen.

Bei der „Integrative Testimonial Therapy“ soll sich der Patient die verdrängten Schmerzen aus der Vergangenheit im eigenen Tempo wieder ins Gedächtnis rufen und von der Seele schreiben. Die Tagebücher werden in dem Internetportal www.lebenstagebuch.de mit Hilfe von strukturierten Behandlungseinheiten angefertigt. Über sechs Wochen kommunizieren Patient und Therapeut über das Internetportal miteinander. In Ausnahmefällen auch über den herkömmlichen Briefweg oder per Fax. Die Therapeuten folgen dabei einem wissenschaftlich fundierten Behandlungsprotokoll, das aus strukturierten Behandlungseinheiten besteht, die jedoch auf die Situation und die Möglichkeiten des Klienten eingehen und angepasst werden. Hinter der Tagebuch-Methode steht die Theorie, dass es für die Heilung wichtig sei, die starken Gefühle noch einmal zu erleben. Die Teilnahme an der Studie richtet sich an Menschen mit Kriegstraumata und ist kostenlos.

Die Greifswalder Forscher haben nach Angaben der Welt „gute Resultate mit dieser Methode erzielt“. Traumaexperten wie Dr. Stefan Jacobs vom Georg-Elias-Müller-Institut für Psychologie halten von gesprächsbasierten Methoden nicht viel: „Sie können jahrelang über ein Trauma sprechen, ohne dass sich was ändert!“ Ein Trauma verändere die Angstzentrale im Gehirn und damit den körperlichen Erregungszustand des Menschen. „Stundenlanges Reden kann den Zustand sogar noch verschlimmern. Die Wahrscheinlichkeit einer Retraumatisierung besteht.“ Es gelte zu erreichen, dass die innere Erregung herunter fährt. Dafür setzt Jacobs auf die Therapiemethode EMDR mit Biofeedback, bei der das Trauma auf der kognitiven Ebene des Gehirns bearbeitet und gleichzeitig der Zustand der Haut gemessen wird.

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