Ich sehe, was du sagst

Wie es aussieht, wenn Traumatisierte erzählen, ist im ZWEITEN und DRITTEN Teil einer fünfteiligen Dokumentation über die pottraumatische Belastungsstörung am Beispiel von deutschen Soldaten nach Kriegseinsätzen zu sehen. Ein Trauma ist nicht leicht zu erkennen.  Wer das Verhalten, die Stimme und Körpersprache zwischen den interviewten Patienten und den Bundeswehrexperten vergleicht, wird den Unterscheid zwischen innerer Ruhe und psychischer Unausgeglichenheit erkennen.

Bei traumatischen Erlebnissen reagiert das Gehirn mit einer Schutzfunktion und speichert die emotionalen Erinnerungen anders ab. Dadurch kann das Erlebte nicht verarbeitet werden. Die Seele schreit mit hoher Reizbarkeit, Schweißausbrüchen, schlaflosen Nächten, Übelkeit und Zuständen namens Panikattacken, die vom Gefühl her einem Herzinfarkt ähneln. Für Außenstehende ist dieses Leid, was Menschen in die Isolation treibt selten sichtbar. Es sei denn man sieht genau hin. „Nachkriegszitterer“ werden die seelisch Verwundeten genannt. Von dem Zittern aus Angst ist nur in einem kurzen Ausschnitt aus einem alten Schwarz-Weiß-Film (Teil 2) etwas zu sehen. Während der Interviews zittert von den seelisch verwundeten Soldaten niemand. In Alltagsgesprächen mit Traumatisierten entsteht hier das gesellschaftliche Missverständnis, so schlimm könne es ja nicht sein oder er stecke es gut weg. Traumatisierte haben Probleme, ihre Emotionen zu zeigen bzw. zu spüren. Um das Trauma zu überwinden müssen die Patienten es sogenannt „noch einmal erleben“. Sprich: Die Gefühlsflut spüren, welche sie einst überrannte.

Im zweiten Teil beschreibt Dana Theers die Anfänge ihrer PTBS mit Essstörung nach ihrem Kosovoeinsatz 1999: „Immer wenn ich ein Stück Hacksteak gesehen habe, kam mir der Gedanke an Mienenverletzte hoch.“ Damit erläutert sie eine klassische Triggersituation. Fleisch und Gerüche erinnern die Soldaten an die Erlebnisse, lösen Herzrasen und Angstzustände aus, so dass der Alltag zur Qual wird. Die Erinnerungen und das daraus resultierende Leid trieben Dana Theers in Selbstmordgedanken und soziale Isolation. Mit einem leichten Lächeln auf den Lippen berichtet Martin Jäger von der längsten halben Stunde seines Lebens beim Blutbad vom Afghanistaneinsatz 2003, als sich ein Taliban vor seinen Augen in die Luft sprengte. Dieses Lächeln findet sich häufig in Gesprächen mit posttraumatischen Patienten.

„Gehinschmerzen“ nennt er seine Krankheit lachend. Paradox zu seinem lächelnden Mund zieht er die Augenbrauen zusammen. Er habe seine Frau nicht mehr angefasst und sich in den Keller zurück gezogen. Nach seinem Bericht raucht er gestresst eine Zigarette (Teil 3). In seinem Gesicht ist einen Moment lang zu erkennen, welchen Stress die Erinnerungen auslösen. Mit genauer Beobachtung von seinem Kamerad Frank Dornseif (Teil 3) könnte das, was in seinen weit aufgerissenen Augen steht, die Fassungslosigkeit der Ereignisse sein. Das beiläufige Kopfschütteln und seine Handbewegungen sind weitere Anzeichen dafür. Wenn er über seine Gefühle (ob er lachen kann) spricht weicht sein Blick zur Seite. Sein Leben sei nicht mehr lebenswert. In einer Videoaufzeichnung aus einer Therapiesession wird mit Hilfe der Therapiemethode namens EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) das eigentliche Leid deutlich, was die Seele hinter einer mimischen Maske versteckt. Durch Augenbewegungen gerät der Patient hektisch atmend in Panik, bis sich die Blockade löst und die eingeschlossenen Emotionen in Tränen aus ihm herausbrechen.

Im vierten Teil der Dokumentation fällt die „Maske“ von Martin Jäger einen Sekundenbruchteil. Wie geht es ihm wirklich? Ein trauriger Blick und ein Schlucken. Das sagt alles.

Der redaktionellen Vollständigkeit halber:

Anmerkung der Autorin: Diese Analyse der Körpersprache basiert auf keinem analytischem Schemata und soll die Schwierigkeiten beim Erkennen von Trauma verdeutlichen. Die Beobachtungen erheben keinen hundertprozentigen Anspruch auf psychologische Fundiertheit. Der Beitrag soll lediglich verdeutlichen, mit welcher Normalität Traumatisierte ihre Geschichte erzählen. Opfer von Missbrauch und Misshandlung haben häufig das Problem, dass ihnen aufgrund ihrer Erzählweise nicht geglaubt wird. Menschen wundern sich, warum sie aufgrund ihrer Geschichte nicht weinen oder traurig aussehen. Frauen, die jahrelang in Gewalt oder Misshandlung aufgewachsen sind nennen ihr Lächeln beim Erzählen häufig „Maske“. Mit dem Wunsch nach Authentizität kämpfen sie lange und hart darum, ihre echten Emotionen mimisch sichtbar machen zu können. Denn wer Trauriges lächelnd erzählt, kann auch nicht wahrhaftig Lachen. Manche erzählen ihre Geschichte auch recht fröhlich, als seien die Ereignisse das Normalste auf der Welt. Das Beispiel der Bundeswehrsoldaten zeigt diese „Paradoxie“ sehr schön. Es zeigt auch, dass Menschen mit Angststörung (z.B. auch „Phobie“ und „Paranoia“) sich nicht mit weit aufgerissenen Augen in die Ecke kauern. Nur wer ganz genau hinsieht, erkennt das Leid. Der Titel des Films „Unsichtbar verwundet“ trifft den Nagel auf den Kopf. Das heißt natürlich nicht, dass jeder Mensch mit dieser Körpersprache automatisch traumatisiert oder anderweitig „krank“ sein muss.

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