„Immer wieder sah ich einen Mann, der nicht existierte.“

Scheinbar grundlos beginnt sie zu zittern. Mit einer Panikattacke kommen die Bilder. Wer sie sieht, hat oft große Angst davor „verrückt“ zu werden. Obwohl Opfer von Missbrauch, Misshandlung oder Kriegserlebnissen wissen, dass der „Horror“ vorbei ist kommt die Vergangenheit zurück in die Realität. Das Wiedererleben hat Namen: Flashback und Dissoziation. Eine Art Film, der plötzlich neben der Gegenwart mitläuft. Diese Bilder, die den Alltag behindern, können in weite Extreme schlagen.

„Immer wieder sah ich einen Mann, der nicht existierte. Doch das wusste ich nicht. Ich redete mit ihm und fühlte seine Anwesenheit.“ Wer der Mann ist, weiß sie nicht. Der imaginäre Begleiter habe sie verrückt genannt. Er drohte, sie umzubringen, wenn sie anderen von seiner Existenz erzähle, schildert eine Unbekannte in ihrem Aufklärungs-Video auf YouTube unter dem Pseudonym TheKruemelmonsterx3. Sie sei sieben Jahre alt gewesen, als der Missbrauch begann. Vier Jahre lang wurde sie vergewaltigt. Mit 14 erhielt sie die Diagnose: posttraumatische Belastungsstörung (PTBS). Wegen Depressionen mit Suizidversuchen wurde sie sechs Monate lang in der Psychiatrie behandelt. „Dissoziative Anfälle waren die Folge, in denen ich das Erlebte noch einmal durchmachte.“

Bis dahin hatte sie die Vergangenheit vollkommen vergessen. Doch das Unterbewusstsein vergisst nicht. Ein Trauma ist eine Art Wunde im Gehirn. In Extremsituationen speichert es die Informationen anders ab und verknüpft sie mit dem Gefühl von Lebensgefahr. Das Unterbewusstsein erinnert sich dann durch die Reize an das Trauma. „Nicht jeder Mensch, der eine Vergewaltigung erlebt, kriegt automatisch eine PTBS. Das unwillkürliche Auftauchen von Erinnerungen sind ein Hauptsymptom“ erklärt Traumaexperte Dr. Stefan Jacobs. Nach einer Vergewaltigung können auch andere Störungen auftreten, wie zum Beispiel Depression, Essstörungen oder soziale Phobien. „Die meisten Opfer sprechen nicht darüber, wie schlecht es ihnen geht. Doch die psychische Belastung ist aufgrund veränderter Verhaltensweisen deutlich erkennbar.“ erklärt Jacobs. Bei frühkindlichen, traumatischen Erlebnissen, in denen das Kind sich der Lebensgefahr ausgesetzt fühlt, reagiert das Gehirn mit einer Schutzfunktion. Es kann die Erlebnisse teilweise oder auch vollkommen verdrängen. Dadurch verzögert sich das Auftreten einer posttraumatischen Belastungsstörung manchmal um Monate oder Jahre. TheKruemelmonsterx3 stürzte sich in Depression, Suizidversuche, Drogen- und Alkoholmissbrauch. Warum, habe sie nicht gewusst. Nur der Körper vergisst seine Geschichte nicht.

„Zusammenhangslose Bilder kamen hoch. In Zuständen, in denen ich die Realität nicht mehr mitbekam“.

Durch die klinische Traumatherapie stellte sich heraus, dass der imaginäre Begleiter vor ihrem inneren Auge niemand anders als ihr Vergewaltiger ist, der ihr damals drohte, sie umzubringen, wenn sie rede. „Diese imaginäre Eingebung darf von Laien nicht mit Schizophrenie verwechselt werden. Es ist imaginär, d.h. das Unbewusste kommuniziert aus der Erinnerung heraus mit ihrem Bewusstsein.“ erklärt Jacobs. Das seien innere Vorgänge, die in die bewusste Wahrnehmung geraten. „Wegen Flashbacks ist niemand ‚verrückt’ und auch keine ‚gespaltene Persönlichkeit’ “ sagt der Experte. Schizophrenie und PTBS liegen weit auseinander. Bei Schizophrenie geht es um Halluzinationen, also Stimmen oder Menschen außerhalb des inneren Auges, die jemand hört oder sieht und niemand anderes sehen kann. „Nicht jeder, der in der Psychiatrie behandelt wird, ist verrückt. Auch Depressive oder Suchtgefährdete werden klinisch behandelt, wenn sie aus Angst oder Suizidgedanken nicht mehr für sich selbst sorgen können.“

Als sie nicht gewusst habe, wer der Mann im Kopf der Betroffenen sei, habe sie in Lebensgefahr geschwebt, berichtet die Videobotschafterin. Wegen seiner Morddrohungen habe sie die Todesängste der Vergewaltigungen erneut ausgestanden und wollte sich umbringen. Diese Erinnerung an den Mann sei durch Trigger ausgelöst worden: „Immer mehr Erlebtes kam hoch. Bei kleinen Anlässen, die erinnerten. Ein Lied, ein Wort, ein Blick reichte aus“. Für TheKruemelmonsterx3 war das soziale Leben nicht mehr möglich: „Wenn ich unter Menschen ging, fing ich an zu zittern und zu weinen“. Trigger sind die Auslöser für psychische Reaktionen, die den Alltag traumatisierter Menschen behindern. Seine Patientin, die nach einer Vergewaltigung in eine Schleuse geworfen wurde und überlebte, sei jedes Mal in Todesangst geraten, wenn sie rauschendes Wasser gehört habe, erzählt Jacobs. Sie sei Schwimmerin gewesen und konnte deshalb kein Schwimmbad mehr betreten. Nach 27 Sitzungen mit Hilfe einer speziellen Therapiemethode, EMDR mit Biofeedback, sei das normale Leben wieder möglich gewesen.

Viele Menschen, die an einer posttraumatischen Belastungsstörung leiden, kämpfen nicht nur mit Panikattacken, sondern auch dem plötzlichen Auftauchen von Bildern. Wie ein Film spielen sich alte Erlebnisse im Kopf ab. Ausgelöst durch Reize, die das Unterbewusstsein mit dem Trauma verknüpft. Die Zusammenhänge sind logisch, jedoch nicht leicht zu erkennen, wie das Wasser bei der Schwimmerin. Oft stürzen diese Reaktionen die Betroffenen in Angst und Schrecken. Durch den imaginären Begleiter hat TheKruemelmonsterx3 zu ihrer Vergangenheit, zu sich selbst und letztendlich zurück in die Realität gefunden. Die psychischen Extremzustände sind vorbei. Mit ihrem Video will sie die Öffentlichkeit aufklären. Mit den letzten Sekunden wird die Größe der Verzweiflung und Einsamkeit hinter dem Pseudonym deutlich: „Wenn man im Krankenhaus ist, kommen einen alle besuchen und fragen, wie es einem geht. Wenn man in der Psychiatrie ist, will niemand mit einem zu tun haben. Warum?“

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