Hilfe, Trigger! Wie normale Dinge abnormales Verhalten auslösen

„Trigger“ nennt sich das Schlüsselwort, dessen Unbekanntheit den Opfern, die von den psychischen Folgen aus Gewalterlebnissen und Missbrauch leiden, das gesellschaftliche Leben erschwert. Sie sind der Grund für Menschenangst, Selbstisolation sowie das Schweigen der Opfer aus Angst für verrückt erklärt zu werden.

Es kommt aus jedem Wasserhahn: Seine Patientin, die nach einer Vergewaltigung in eine Schleuse geworfen wurde und überlebte, sei jedes Mal in Todesangst geraten, wenn sie rauschendes Wasser gehört habe, erklärt Traumaexperte Dr. Stefan Jacobs. Ein Trauma ist eine Art Wunde im Gehirn: In Extremsituationen speichert es Informationen anders ab und verknüpft sie mit dem Gefühl von Lebensgefahr. Das Unterbewusstsein erinnert sich dann durch bestimmte Reize an das Trauma. Manche Soldaten mit schweren Kriegserlebnissen ertragen das Knallen von Silvesterraketen nicht. Es sind die unbewussten Erinnerungen an die Schüsse oder Raketen, welche sie zusammenzucken lassen oder Panikattacken auslösen können.

Sie sind überall. Menschen, Worte, Gespräche, Geräusche, Farben, Bewegungen, Blicke, Bilder, Orte, die dem Ort des Erlebnisses ähneln. Auch die Mimik, Gestik, Verhalten, Namen, Situationen, Töne, Klänge, Stimmlagen, Konflikte können – in einem Wort zusammengefasst – Trigger sein. Der eine hat sie mehr, der andere weniger. Manch einer weiß nicht einmal, dass es dieses Phänomen gibt. Die Folge: Das Problem ist umso größer, es verschlimmert sich. Denn Trigger lösen psychische Reaktionen aus, welche zu extremer Angst und Panik bis hin zu real empfundener Todesangst führen. Sie sind die Auslöser, die Alltägliches wie Fahrten mit der Straßenbahn, Einkaufen, Arbeiten oder „einfach nur leben“ für traumatisierte Menschen unerträglich machen. Schuld an diesem behindernden Reiz-Reaktions-Schema ist häufig ein Täter oder ein Ereignis. Trigger sind die Reize, die im Unterbewusstsein mit dem Trauma verknüpft sind. Es sind komplizierte Zusammenhänge mit fatalen Folgen. Oft gelingt es den Betroffenen nicht zu erklären, warum sie in einer alltäglichen Lebenssituation plötzlich mit Angst, Wut, Trauer oder gelähmtem Schweigen emotional überreagieren. Angehörige stehen den Reaktionen ratlos gegenüber. Nur die Hilflosigkeit tragen alle Beteiligten gemeinsam.

„Die Reaktion auf Trigger muss nicht immer direkt Panik sein.“ erklärt der Traumaspezialist Dr. Georg Pieper. Eine Zeugin des Amoklaufs in Erfurt fühle sich unwohl, wenn ihr Freund schwarze Kleidung trägt, beschreibt er ein leicht lösbares Triggerproblem. „Sie ist geprägt durch den schwarz angezogenen Täter, der vor ihren Augen die Lehrerin erschoss. Deshalb trägt ihr Freund nun keine schwarze Kleidung mehr. Trotzdem muss sie es neu lernen, dass ein schwarz gekleideter Mensch nicht automatisch ein Todesschütze ist. Schwieriger wird die Analyse, wenn die Erinnerung im Unterbewusstsein komplexer vernetzt ist.“  Frauen, die in der Kindheit Missbrauch oder Gewalt erlebten, geraten nicht selten an Beziehungen, in denen Männer sie sexuell oder gewalttätig ausnutzen. „Sie verlieben sich in die Männer, die dem Täter ähneln. Es ist eben sehr vertraut. Für den Aufbau einer gesunden Beziehung sind derartige Konstellationen fatal. Es ist das ständige Streben des Unterbewusstseins danach, dort geliebt zu werden, wo es keine Liebe gab“, erklärt Pieper. Das bedeutet jedoch nicht, dass Freundschaften und Beziehungen zu Menschen, welche die Betroffenen aus einem oder mehreren Gründen triggern, unmöglich sind. Sogar, wenn sie das Gefühl von Täterkontakt und somit Panikattacken auslösen. „Es sind schlechte Voraussetzungen, doch man kann darüber reden und es gemeinsam anpacken“, sagt der Experte. „Zur Not auch mit therapeutischer Hilfe. Zusammenhalt macht eine Freundschaft schließlich aus.“

Für die 19-jährige Sarah Lings* sind die Menschen außerhalb der Psychiatrie am Seltsamsten. Wenn sie über Missbrauch reden oder sexistische Witze machen, löse das etwas in ihr aus: „Habe ich eben noch mitgelacht, kann ich mich in der nächsten Sekunde nicht mehr konzentrieren und bekomme nichts mehr mit. Die Menschen sagen dann, ich übertreibe.“ In der Psychiatrie ist das Leben einfacher. Hier können die Patienten offen sagen, wenn sie getriggert sind. Die Mitpatienten in der Psychiatrie fragen sofort, was los sei, wenn sie vor sich hinstarre oder nur noch grinse, erzählt die 23-jährige Chemielaborantin C., die 18 Jahre lang familiäre Gewalt erlebt hat. Dann machen sich die anderen mit Bewegungen bemerkbar, um sie aus dem Schema namens „Dissoziationen“ zu reißen. Sie kämpfe genau so viel gegen das „wegdriften“ wie gegen das plötzliche Auftauchen vergangener Schreckensbilder,  den so genannten „Flashbacks“, erzählt sie. Nach ihrer ersten klinischen Therapie sei sie wieder arbeiten gegangen – und kläglich gescheitert. Doch wenigstens verstehe sie inzwischen die Zusammenhänge. Mit seinem Verhalten erinnerte ein Kollege ihr Unterbewusstsein zu sehr an ihren Vater und seine Taten. Auch bei C. führen die Trigger zu Herzrasen, Übelkeit, Panikattacken, Schlaflosigkeit, Alpträumen, Konzentrationsproblemen, Gedankenspiralen, Flashbacks und dissoziativen Zuständen.

Der Weg und der Kampf gegen die Trigger und ihre Folgen sind lang und schwer. Um ihr Selbstwertgefühl zu stärken, folgte Anna Altger* dem Rat ihres Therapeuten und ging zum Kampfsporttraining, das von ihrer Universität angeboten wurde. Eineinhalb Jahre lang ging alles gut. Sie schaffte es, die vom engen Körperkontakt ausgelösten Angstattacken zu besiegen. Ihren traumatischen Erfahrungen des sexuellen Missbrauchs aus der Vergangenheit zum Trotz kämpfte sie sogar gegen Männer. „Doch der Trainer sah nicht die Angst in meinen Augen“, berichtet sie. „Als ich die Kontrolle über die Hände meines Partners verlor, getroffen wurde und zu Boden ging, überschwemmte mich die Todesangst.“ Die körperliche Unterlegenheit habe sie getriggert: „Mein Körper war nicht mehr zu spüren. Eine Eiseskälte durchzog mich. In den folgenden drei Wochen war ich nicht mehr Herrin meiner selbst.“ Was das genau bedeutet, ist schwer vorstellbar. „Niemand weiß, dass ich traumatisiert bin. Wenn ich getriggert werde, kommen andere Persönlichkeitsanteile von mir zum Vorschein. Andere Verhaltensweisen, ich bin dann nicht mehr ich. Und ehrlich gesagt habe ich Angst davor“, erklärt auch Hubert Lakus*. Den Umgang mit den Triggern erschweren ihm andere aber nicht: „Entweder ich werde getriggert oder nicht, mehr oder weniger schlimm gibt es da nicht. Das einzige Problem wäre, wenn man mich daran hindern würde die Situation zu verlassen.“

Das Verlassen der Situation ist eine der ersten Vorsorgemaßnahmen, die Traumapatienten im Umgang mit ihren psychischen Schwierigkeiten lernen. Erst mit fortschreitender Therapie geht es daran, sich den Situationen zu stellen. Menschen mit PTBS neigen zu einem Vermeidungsverhalten und ziehen sich immer mehr zurück in die Selbstisolation. Oft vermeiden sie die einfachsten Situationen wie die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel, Menschenmassen oder soziale Kontakte. Manche der Betroffenen gehen wegen der Trigger nicht mehr zur Arbeit, in die Schule oder studieren. Nicht selten werden sie von Gefühlen des Unwohlseins überschwemmt. Trotzdem sollen sie lernen, dass es „nur“ Erinnerungen an das Trauma sind. Objektiv sind diese Situationen ungefährlich, dennoch ist es für die Patienten anstrengend, mit den psychischen und körperlichen Reaktionen in einer Triggersituation umzugehen. In den Kliniken sollen die Patienten nicht untereinander über ihre traumatischen Ereignisse reden. Dadurch besteht nämlich die Gefahr des gegenseitigen Triggerns. Einfache Fragen wie „Was ist dir passiert?“ oder „Warum bekommst du eigentlich Panikattacken?“ werden so wegen möglicher Flashbacks, Dissoziationen und effektartiger Panikattacken zu gefährlichen Sätzen. Nur ein professioneller Therapeut ist in der Lage, die Gesprächssituation und ihre möglichen Folgen einzuschätzen. Angehörige und Hobbypsychologen handeln vorbildlich, wenn sie jemandem, der ihnen Missbrauch, Gewalt oder Kriegserlebnisse anvertraut, sagen, dass sie gerne zuhören – jedoch erst, wenn sich ein Experte professionell darum gekümmert hat. Ebenso ist es nicht ratsam, eigene Erlebnisse zu erzählen oder über Themen wie Gewalt, Misshandlung oder Missbrauch zu sprechen. Betroffene wie Sarah Lings ertragen solche Gespräche nicht und geraten in Unruhe und Konzentrationsschwierigkeiten. In der Traumatherapie lernen die Patienten spezielle Techniken, um diese „Gedankenspiralen“ abzustellen. Dr. Jacobs setzt so exemplarisch „auf ein kognitives, verhaltenstherapeutisches Verfahren und EMDR mit Biofeedback. Das heißt, es finden zunächst ein paar analytische Gespräche statt. Dann gehen wir an den Kern des Problems mit akustischen, optischen oder körperlichen Reizen“, erklärt er. „Mit EMDR können wir die Erregung herunterfahren. Erst wenn der Körper wieder im Normalzustand ist, kann das Gehirn das Trauma verarbeiten.“

Den Weg durch die Therapie müssen die Betroffenen alleine gehen. Dennoch brauchen sie Freunde, Familie und Unterstützung. Doch viele aus dem sozialen Umfeld reagieren häufig mit Abwendung, wenn sie von psychischen Problemen erfahren. Nicht selten wird den Betroffenen schlichtweg nicht geglaubt, wenn diese emotionslos und nüchtern davon erzählen, dass sie missbraucht oder misshandelt wurden. Die Angst vor Ablehnung, verlassen zu werden und verschlossene Ohren sind einige der meist genannten Gründe für jahrelanges Schweigen. „Natürlich gibt es Idioten, die bewusst oder unbewusst in die Wunde hauen. Nach einer Traumatisierung kann es auch zu Mobbing kommen, weil das Sozialverhalten ein anderes ist. Das ist tragisch, denn die Opfer haben nur eine Chance, wenn sie sich öffnen und lernen, dass sie das, was ihnen passiert ist, sie nicht zu Aussätzigen macht“, erzählt Sarah Lings. Sie fand große Hilfe im offenen Ohr ihrer besten Freundin. Nach fünf Jahren Therapie findet die Neunzehnjährige ihre Akzeptanz im Unausweichlichen: „Alles, was man an mir als “verrückt“ bezeichnet, ist gut. Ich muss mir Zeit geben, um zu heilen. Leider gesteht die Gesellschaft uns Kranken diese Zeit nicht zu. So ganz alleine kostet das sehr viel Kraft.“

* Name von der Redaktion geändert

Advertisements

Schlagwörter: , , , , , ,

5 responses to “Hilfe, Trigger! Wie normale Dinge abnormales Verhalten auslösen”

  1. Sonja Sannert says :

    Ein sehr guter Artikel! Und nicht, um die Wirkung von EMDR schmälern zu wollen, sondern um noch auf eine weitere effektive Technik in der Traumatherapie hinzuweisen, möchte ich an dieser Stelle EFT (Emotional Freedom Techniques oder auch Klopfakupressur genannt) erwähnen.
    Wenn das hier jemand liest, die/der von Trauma betroffen ist….gib nicht auf!
    Menschen, die furchtbares erlebt haben, sind starke Menschen – spätestens wenn sie „aus der Scheiße Gold“ gemacht haben.

    • Sonja Ross says :

      Hallo.

      Leider wird man von anderen nicht verstanden grad weil man sich total verändert hat.
      Und man muß sich noch mit Behörden rumschlagen wenn es auch was mit der Arbeit zu tun hat ,man wird in Stich gelassen.
      LG SONJA

  2. malcolm says :

    Der Bericht ist gut, allerdings steht am Ende „das Problem“ – sich all dem Erlebten in einer Therapie ggf. stellen zu müssen. Dies ist aber oftmals für die Betroffenen Menschen nicht leicht und für nicht Wenige emotional nicht möglich – auch wenn ein soziales Umfeld vorhanden ist das Sie begleiten möchte.
    Durch das Erlebte können diese Menschen dann aber auch leicht selbst zu Tätern werden. Dies geschieht allerdings meist unbewust und ohne Kontrolle über das eigene Verhalten zu haben oder zu bekommen.
    Ich schreibe dies nicht als Angriff auf diese Personen aber aus der Sicht eines dadurch selbst zum „Opfer“ gewordenen. Habe durch ein Trigger der leider nicht benannt werden kann meinen Arbeitsplatz wechseln müssen weil die getriggerte Kollegin weder in der Lage war die Situation zu benennen noch Ihr, dadurch ausgelöstes Verhalten zu kontollieren geschweige denn daran zu arbeiten. Dies geschieht selbst bei in Bereichen der Sozialpsychiatrie arbeitenden, also bei Denjenigen die sich eigendlich damit professionell arbeiten und handeln sollten.
    Aus Opfern werden Täter – nun meine Frage … Wer hilft dem letzen Opfer?
    Für Menschen die unverschuldet involviert werden gibt es oft leider nur den Spruch .. „da kann man halt nichts machen, ist doch nicht soo schlimm, oder versuch dich mal in Ihre Lage zu versetzen.

    • wunschleben says :

      Ich verstehe die Wut darüber, durch ein Opfer welches sein Leben nicht unter Kontrolle hat, selbst zum Opfer zu werden.
      Der letzte Satz, der leider nicht nur ein Spruch ist, sondern das Überleben von uns traumatisierten rettet: -Versuch Dich in ihre Lage zu versetzen!- Wir machen das nicht mit Absicht, (im Normalfall) wir wollen nicht schädigen… Aber ehrlich gesagt bezweifele ich auch, dass man einen Kollegen ratzeputz mal eben in eine Abteilung versetzt, wirklich förderlich ist.
      Ich kann von hier aus natürlich nicht beurteilen, in wie fern die Kollegin ihr Trauma angeht, verabreitet hat, oder noch sehr in der Vergangenheit lebt.

      Fakt ist aber auch, ein Opfer sollte das möglichste tun, um nicht selbst zum Täter zu werden.

      Mir persönlich tut es leid, dass sie durch ein Opfer „vergrault“ worden sind. Aber ein Versuch das ganze als selbstlose Tat zu sehen, würde vielleicht helfen. Jemandem ein Stück Freiheit zu geben und Normalität im traumatisierten Alltag.

      Und an allerletzter Stelle, auch wenn ich das in diesem Zusammenhang ebenfalls so genannt habe, ein Opfer ist etwas anderes in der „Traumawelt“. Das Opfer ihrer Kollegin ist ein weitaus grösseres als das ihre. Vielleicht sollte man das bei dieser ganzen geschichte nicht vergessen, sollten sie das nicht vergessen. Wenn die Kollegin es nicht mal nennen kann, wird es etwas ganz schlimmes sein, schlimmer als die Zwangsversetzung in eine andere Abteilung…

      Just my 2 Cents.

  3. Moon Stegk says :

    Guter Artikel. Für Betroffene ist es wichtig, zu wissen, was da mit ihnen passiert. Wenn verstehbarer wird, warum welche Symptome auftauchen, kann das Gefühl, verrückt zu sein/werden, nachlassen.

    Weiterführende Informationen über Trauma und Traumatherapie gibt es auf blog_gestalttherapie_luebeck http://gestalttherapieluebeck.wordpress.com/

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: