„Kein Mensch kann sich vorstellen, was in den Familien abgeht“

Ihr Mann droht sogar mit einem Amoklauf. Die Ehefrau von einem Soldaten, der aus Afghanistan heimkehrt erzählt in ihrem Buch aus mehreren Jahren Ehe mit PTBS.


„Wenn du nicht sofort nach Hause kommst”, brüllte es aus dem Telefonhörer, “dann bringe ich mich und Janina um.” Das saß. Wie weit würde er gehen? Sie habe sich immer wieder versucht vorzustellen, dass er fähig war zu töten. Sollte sie auf seine Forderung eingehen? Sie kennte ja auch den anderen Rene, den zarten, den liebevollen, der niemals in der Lage sein würde, seiner 3-jährigen Tochter etwas anzutun. Mit diesen Zeilen schildert Marita Scholz, ehemalige Sportsoldatin und Ruderweltmeisterin in ihrem Buch Heimatfront vom schwierigen Leben mit einem traumatisierten Kriegssoldaten.

Nach zahlreichen Auslandseinsätzen im Kosovo, Afrika, Libanon und Afghanistan leidet ihr Mann René an einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Selbst nach dem angekündigten Amoklauf hält sie zu ihrem Mann, kämpft um ihr Familienglück mit zwei kleinen Kindern. Er kann sich nicht mehr in das alltägliche Familienleben integrieren, leidet unter Empathieverlust, Schlaflosigkeit, Depressionen, Aggressivität, Eifersucht und

Kontrollwahn. Jetzt ist der Krieg sein ständiger Begleiter: In Afghanistan hat er ein schwer verletztes Kind mit offenen Bauch getragen. Mit seinen Erfahrungen zwischen Leben und Tod war er dem Kontrollverlust von Sicherheit ausgesetzt. Deshalb leidet er nun unter Verlustangst und Kontrollzwang. Er hat gelernt, wegen der Mienengefahr keine Grünflächen zu betreten. In Deutschland flieht er vor Kinderweinen, meidet Menschengruppen und Rasenflächen, kontrolliert seine Frau, ist ängstlich und aggressiv.

Er sei „ein Zombie, leichenblass, das Gesicht faltig, um mindestens zehn Jahre gealtert. Das war doch nicht René. Das war ein ganz anderer Mann“. Scholz sieht sich mit diesem Problem überfordert und alleine gelassen – auch von der Bundeswehr. Bei den Therapien von René wird sie nicht involviert. Ihr Ehemann kann und darf weder von seinen Einsätzen in den Kriegsgebieten noch von den Traumatherapien erzählen. Schließlich geht sie als Reservistin nach Afghanistan, um selbst die Situation vor Ort kennen zu lernen. Währendessen droht ihr Mann mit dem Amoklauf, sie solle sofort nach Hause kommen. Scholz schickt ein Einsatzkommando nach Hause.

Scholz kritisiert dieses verordnete Schweigen und den Ausschluss der Partnerin und Familie von den Therapien. Die psychischen und physischen Belastungen bringen Marita Scholz oft zur völligen Erschöpfung. Sie fordert Unterstützung: „Ich kann doch kein Problem privatisieren, das nicht im Privaten angefangen hat“. Kein Mensch könne sich vorstellen, was in den Familien abgehe. Deshalb wünsche sie sich psychologische Unterstützung im eigenen Wohnzimmer.

Das Buch schildert die Situation von Familien mit traumatisierten Soldaten so nah, wie es nur ein Augenzeuge berichten kann. Scholz bleibt aus Liebe bei ihrem Mann: „Wenn ich Weltmeisterin war, schaffe ich das auch“. Inzwischen wird die Familie in ein neues Projekt involviert und auch von Psychologen zuhause besucht.

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