Was brauchen misshandelte Kinder? Lachen.

Sie hat 18 Jahre lang Misshandlung erlebt. Heute geht sie normal zur Schule. Alles was sie sich wünscht, ist ein echtes Lächeln.

Nie hätte sie gedacht, dass sie in der Psychiatrie endet. Ihr Herz rast, der Atem stockt, Schwindel macht sich breit. Eine Enge in der Brust schnürt ihr die Luft ab, die Hände und Knie zittern. Das Mädchen denkt an einen Herzinfarkt und glaubt gleich sterben zu müssen.

Der Hausarzt sagt, sie habe eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) will. Sie erfährt, dass diese Herzkreislaufzusammenbrüche vom Gehirn aus gehen, und sogenannte „Panikattacken“ oder auch „Todesangst“ sind, die zum falschen Zeitpunkt im normalen Alltag auftaucht. Das Mädchen will sterben, denn sie weiß, es ist der Schatten aus einer Vergangenheit voller Traumatisierungen, der sie jetzt heimsucht. Darüber schreibt sie ein Blog im Internet.

Nach einem Leben voller Schläge durch den Vater und Onkel zog C. an ihrem 18. Geburtstag zu ihrem Freund, vermeintlich in Sicherheit. „Ich war nichts anderes gewohnt, als Misshandlungen“ sagt sie so trocken, als sei es das Normalste auf der Welt. „Somit habe ich mir den falschen Freund ausgesucht“. Drei Jahre riss sie sich in der Gegenwart zusammen, beendet ihre Ausbildung als Chemielaborantin. Note: sehr gut. Dann bricht die junge Frau zusammen. Im Frühjahr 2009 reißen Panikattacken, Alpträume, Herzrasen, Übelkeit und Konzentrationsprobleme sie auseinander.

„So schlimm war es nicht“ und „So schlimm kann es doch nicht sein“ sagt ihre Familie. Experten sagen, diese Reaktion sei typisch für die Täter und Angehörigen, ein natürlicher Verdrängungsmechanismus des Gehirns. Wenn Menschen der Realität ins Auge sehen, löst das Gefühle aus. Verdrängung ist ein Schutz des Unterbewusstseins.

Was ihre Eltern noch können, kann C. nicht mehr. Die verdrängten Erlebnisse brechen hervor, in Angstzuständen, in die sich ein Normalmensch schwer hinein versetzen kann. Die junge begreift: psychisch krank sein, heißt richtig schlimm krank zu sein. Sie braucht dringend Hilfe.

Doch die Betten in den psychiatrischen Krankenhäusern sind fast immer belegt. Jedes Jahr werden 68.000 Patienten mit Reaktionen auf extreme Belastungen behandelt, davon 8.000 mit PTBS. Häufig betragen die Wartezeiten mehrere Monate bis ein Jahr. Die junge Frau hat Glück und bekommt Therapien in zwei Psychiatrien und einer Klinik für Psychotherapie.

Die Ärzte und Psychologen sagen, ihr Welt- und Selbstbild sei zerschlagen.

Im Gegensatz zu einem Monotrauma durch eine Vergewaltigung als einmaliges Ereignis seien jahrelanger Missbrauch oder Misshandlung schwerer zu überwinden, erklärt Traumaexperte Dr. Georg Pieper. Das seien Komplextrauma und tiefer gehende Störungen. Er sagt: „Die gesunden Grundlagen von Selbstwert und Sicherheit sind nicht nur erschüttert, sie fehlen oft vollkommen“. Der nachträgliche Aufbau einer gesunden, emotionalen Belastbarkeit bedeute jahrelange harte Arbeit.

Ärzte wie Pieper wissen, wer Gewalt und Schmerzen von klein an als normal erlebt, erzählt das auch genau so: sachlich, emotionslos, unerschrocken. So spricht auch C. durch die Maske, die einst ein Selbstschutz ihres Gehirns war. Jetzt ist sie ein Gefängnis aus mangelnder Authentizität. Wenn ein Opfer Gewalt oder Missbrauch erlebt, verdrängt das Gehirn die Gefühle der Ohnmacht, die der Mensch nicht überleben würde, wenn er sie spüren könnte. Dadurch entsteht eine Art Lähmung, die den Zugriff auf die Emotionen versperrt. Eines Tages wehrt sich dann der Körper mit Panikattacken – also Todesangst – und zeigt den Schrecken, den die Seele unkontrollierbar abschiebt. C. will mit der Therapie die seelischen Wunden fühlen, um danach ihr wahres Lachen zu finden. Dafür muss sie durch körperlichen und seelische Schmerzen gehen, die Vergangenheit noch einmal erleben, um endlich zu finden, wovor sie sich am meisten fürchtet: Normalität.

Eine andere Wahl hat sie nicht. Mit dem Ausbruch der PTBS zwingt ihr Körper die Dreiundzwanzigjährige dazu, sich mit ihrer Lebensgeschichte und ihren Gefühlen auseinander zu setzen. Sich an die Ereignisse erinnern, fällt ihr schwer. Jedes Mal kommen die Angstattacken zurück. „Mir wurde in der Kindheit eingeprägt, dass ich nicht gut genug bin.“ sagt C. Für Anerkennung habe sie oft Einsen heim gebracht. „Doch für meinen Vater bin ich nur ’ne Giftmischerin“ sagt die Chemielaborantin unberührt. Weinen oder lächeln fällt ihr schwer, sich selbst anzuerkennen auch. „Eigentlich war ich immer ich.“ sagt sie. „Nur manchmal, da bin ich anders. Dann grinse ich“.

Es ist die Maske, an der die Patienten in der Psychiatrie die Neuankömmlinge erkennen.

Die Mitpatienten fragen sofort, was los sei, wenn sie vor sich hinstarre oder grundlos grinse, erzählt C. Dann machen sie komische Bewegungen, um sie aus diesem Schema namens “Dissoziationen” zu reißen. Das kann das geistige Wegdriften sein mit unverändertem Gesichtsausdruck, ein Blick in die Leere oder Grinden, wie in einer Art Starre. Dissoziationen können bis hin zu körperlichen Lähmungserscheinungen und voller Bewegungsunfähigkeit reichen. „Es gibt Tage, da drifte ich zurück in die Vergangenheit und verliere mich Gedankenspiralen, ohne es zu merken“ sagt C. Das sei eine sogenannte „Dissoziative Fogue“.

Manchmal fühle sie einzelne Körperteile nicht mehr oder vergesse, dass sie laufen kann. Die Vergangenheit ist eben immer da. Ganz nah. Sie kommt wie sie will. Tagsüber kann sie vor Übelkeit nicht essen, nachts nicht schlafen. Es sind keine Alpträume, sondern das plötzliche Auftauchen vergangener Schreckensbilder, die Flashbacks, die sie beeinflussen. Da das Unterbewusstsein durch das Trauma die Erinnerungen nicht mehr träumend verarbeiten kann, übernimmt ein anderer Teil im Gehirn die Funktion. Deshalb tauchen die Bilder vor dem inneren Auge im Wachzustand auf, wie bei einem Film oder Traum, ohne dass C. sie abstellen kann.

Nach dem Krankenhausaufenthalt beschreibt die Chemielaborantin in einem privaten Blog ihre Geschichte und beginnt wieder zu arbeiten. Doch das geht nicht mehr. Inzwischen versteht sie die Zusammenhänge, wie die Panikattacken, Flashbacks und Dissoziationen ausbrechen: Ein Arbeitskollege erinnert ihr Unterbewusstsein durch sein Verhalten zu sehr an ihren Vater, ihren Täter. Das Widererleben des Täterkontakts löst im Gehirn und gesamten Körper extremen Stress aus und starke Reaktionen aus. „Trigger“ nennt Dr. Pieper dieses Phänomen der Täteridentifikation. „Die Frauen fühlen sich vom Täterprofil angezogen, weil es vertraut ist. Dann wehrt sich der Körper mit Todesangst“. Das Verhältnis zum Vater sei bei Kindern, die geschlagen wurden, oft ambivalent. „Sie lieben ihn und verzweifeln an seiner Grausamkeit“ sagt Pieper. Der Experte erklärt: „Deshalb verlieben sich diese Frauen nicht selben in Männer, die dem Täter ähneln. Sie geraten in gewalttätige Beziehungen, es ist eben sehr vertraut“. C. kennt dieses Problem. Einen Freund hätte sie gern, doch vorstellen kann sie es sich nicht, ihr Beuteschema abzulegen.

Inzwischen lebt sie in einer neuen Stadt, allein in einer kleinen Wohnung. Eine WG würde nicht gehen. Sie sagt, in Gruppen kann sie nicht sie selbst sein. Denn die Normalität ist ihr so befremdlich, dass das aufgesetzte Lachen oder Starren zurückkommen. C. fühlt sich nirgends wohl in ihrer Haut. „Gegessen wurde was auf den Tisch kommt“ sagt sie. „Mein Vater hatte Spaß daran, mich mit in kochend heißem Wasser stehenden Löffeln zu verbrennen. Und hat jeden Tag gebrüllt“.

Heute ist sie glücklich, wenn sie mit ihren Tieren spielen kann. In ihrer kleinen Wohnung hadert eine handzahme Wüstenrennmaus neben ihr um Aufmerksamkeit. Ihre vier Mäuse helfen ihr beim Kampf gegen die Gewalt, der nicht enden will. Nicht zuhause und nicht hier, in ihrem Herzen. Die Bilder verfolgen sie. Die junge Frau sagt, ihr Vater sei das Problem. „Meiner Katze hat er vor meinen Augen den Hals umgedreht“.

Oft sei sie von zuhause abgehauen. Zu ihrer Familie hat sie keinen Kontakt mehr, doch Weglaufen wolle sie jetzt nicht mehr. Nicht vor dem selbstkritischen Blick in ein aufgesetztes Spiegelbild. Nur „draußen“ fällt es ihr noch schwer, das echte Gesicht zu zeigen. Jetzt holt sie ihr Abitur nach. In der Schule weiß niemand von ihrer Krankheit. „Dort ziehe ich meine Maske an“.

Glück besteht für C. aus den kleinen Dingen des Lebens, die manch anderer gar nicht mehr bemerkt. Ihr Antrieb ist der Wunsch nach Normalität. Irgendwie helfen sie ihr, die Therapien. Am besten sei die Traumatherapie gewesen. Jeder kleine Erfolg bedeutet unendliches Glück auf dem Weg zu einem gesunden Gehirn. Es hat zwei Jahre gedauert, sich den größten Wunsch zu erfüllen: „Inzwischen existiert ein Foto, auf dem mein Lachen ehrlich und echt ist, so wie es geworden wäre, wenn es die Gewalt nicht gegeben hätte“.

(Artikel vom 12. Dezember 2011, aktualisiert)

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