Kann eine Geburt PTBS auslösen? Ja.

Die Geburt eines Kindes kann zu einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) führen. Bisher war bekannt, dass sich im Gehirn nach traumatischen Erlebnissen wie einem Terroranschlag, Verkehrunfällen oder Verbrechen eine PTBS bilden kann.

Während der Geburt fällt plötzlich der Herzschlag ihres Ungeborenen aus, als Anne Geisterfeld* letzten Sommer ihr erstes Baby zur Welt bringt. Die Ärzte holten das kleine Mädchen mit der Zange, um es zu retten. Dabei wurde das Kind am Schädelfell verletzt. Sofort wurde das Neugeborene in eine Kinderklinik gebracht und am Kopf operiert. Die Mutter wurde wurde von Ängsten und Sorgen um ihr Baby geplagt, zu dem sie nicht konnte, weil das Neugeborene in einem anderen Krankenhaus lag. Sie sagt, sie könne nicht genau sagen, was in ihr vorging, als sie nach der Geburt ein paar Stunden alleine im Kreissaal lag. Es seien viele Geburten gewesen und das Krankenhauspersonal unterbesetzt. Sie sei voller Angst um ihr Baby gewesen und habe sich sehr einsam gefühlt. Auch die junge Mutter war bei dem Noteingriff verletzt worden. Anne hatte starke Schmerzen, konnte in den ersten Wochen nach der Geburt kaum laufen.

Schwierige Geburten wie diese können zu einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) führen – dies ergibt eine neue Studie die im Israel Medical Association Journal (IMAJ) veröffentlicht wurde. Forscher an der McGill University in Montreal und der Tel Aviv Universität fanden heraus, dass eine von 13 Frauen nach der Geburt an einer PTBS erkrankt. Von den betroffenen Frauen hatten sich 80 Prozent für eine Geburt ohne Schmerzmittel entschieden. Eine Betäubung scheint nicht die leichteste Lösung für dieses Problem zu sein: Anne hatte sich Schmerzmittel ins Rückenmark spritzen lassen, deshalb konnte sie die Wehen nicht spüren, weshalb es zu den Komplikationen kam. Annes Schrecken war groß, doch sie hatte Glück und entwickelte keine Anzeichen einer psychischen Erkrankung.

Der Studie nach, entwickelt ein Drittel aller jungen Mütter die ersten Symptome einer PTBS wie Schlaflosigkeit und plötzlich wiederkehrende, bildhafte  Erinnerungen an die Geburt im Alltag, sogenannte Flashbacks. Manche Mütter fangen an, Personen und Dinge, die an die Geburt erinnern zu vermeiden, wie den Weg ins Krankenhaus bis hin zum Neugeborenen selbst. Dieses Verhalten erinnert an eine postpartale Depression nach der Schwangerschaft. Im Gegensatz dazu wird PTBS als Folge einer erlebnisstarken Geburt selten diagnostiziert.

Über die neuen Forschungsergebnisse entsteht die Debatte, ob eine Geburt als traumatisches Erlebnis in den Pool medizinisch zertifizierter Traumata aufgenommen werden soll. Eine Geburt stellt im Gegensatz zu den gültigen Kriterien für ein traumatisches Erlebnis kein unerwartetes Ereignis dar, wie ein schwerer Unfall oder Gewalt- oder Sexualverbrechen. Dennoch wird sie begleitet von einer realen und gerechtfertigten Angst vor Gefahr um sich und das Baby und kann als eine lebensbedrohliche Situation empfunden werden. Das Forschungsteam Tel Aviv empfiehlt Kliniken als erste Maßnahme, die Schwangeren besser über Möglichkeiten zur weniger schmerzvollen Geburt aufzuklären. Unklar ist, ob sich die Geburtspraktiken in den von der Studie betroffenen Ländern auf einem vergleichbaren medizinischen Standart wie in westlichen Ländern befinden.

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6 responses to “Kann eine Geburt PTBS auslösen? Ja.”

  1. Fassungslos says :

    Naja, man kann auch übertreiben. Die Folgen einer Geburt mit denen von jahrelangem sexuellen Missbrauch und Folter gleichzusetzen ist ein Schlag ins Gesicht von Opfern solcher Verbrechen!

    • caroritgen says :

      Hallo „Fassungslos“, vielen Dank für Ihre Meinung. Es handelt sich hierbei um keine Gleichstellung – das wird auch in keiner Weise gesagt. Es sind weitere Forschungserkenntnisse bei der Ursachenforschung nach PTBS. Auch Menschen mit einem Monotrauma können von einer PTBS betroffen sein. Wie die Forschng zeigte, kann scheinbar auch eine schwierige Geburt der Auslöser für die Erkrankung sein. Viele Grüße.

  2. Traumerle says :

    Beim googeln hier gelandet und nun „aha-Effekt“ !

    Die Beschreibung von der Zangengeburt, dem verletzten Kind, die mißerfolgreiche PDA, die Schmerzen beim Sitzen und Laufen nach der Geburt wegen eigener Verletzung, der überfüllte Kreissaal, ca 6 Wochen war ich fast unfähig mit dem Kind überhaupt umzugehen, fühlte mich völlig abgestorben, war antriebslos. Ich wäre am liebsten weggelaufen – hätte das Laufen nicht so geschmerzt………
    Nach dieser Entbindung war ich nie mehr die „Alte“ – dachte aber nicht darüber nach, denn natürlich ändert sich etwas wenn man Mutter ist. Auch mein Mann war nachhaltig geschockt,
    Die Einstellung zum Sex veränderte sich (nicht positiv).
    Ich vermied das Thema, Berichte im TV wurden sofort weggezappt, Babygeschrei und Schwangere lösten komische Gefühle aus……
    Ich setzte vehement alles daran um mich sterilisieren zu lassen und erreichte dies irgendwann auch (trotz junger Jahre)…..
    Auch mit dieser „Sicherheit“ stellte sich der gesamten Thematik gegenüber keine Gelassenheit ein……..jede Erinnerung verursachte großes Unbehagen und Gänsehaut. Mir war immer bewusst, dass ich da wohl nen „Knax“ wegbekommen hatte, vermied aber mich damit zu beschäftigen. Immerhin waren wir gut davongekommen, Kind war ok, ich war fast ok, konnte aber arbeiten und Hobbys nachgehen – funktionierte also.

    25 Jahre später hatte ich eine Gyn-OP. Schmerzen in demselben Bereich also.
    Ich dachte ich verliere den Verstand, drehte völlig durch und hatte Todesängste.
    Das Klinikpersonal verstand die Zeichen genausowenig wie ich.
    Auch nach der Entlassung blieben unerklärliche Symptome. Mit jedem weiteren Arztbesuch verstärkte sich die Störung. Schliesslich kam die Diagnose: PTBS, chronisch, offenbar aktiviert durch Retrauma.
    Zitteranfälle, Phobien, alles überfordert mich, die Schmerzen lassen sich nicht beeinflussen (trotz BTM)…..ich bin 1,5 Jahre nach der retraumatisierenden OP nun berentet. Alle Arzt – und Therapeutenkontakte verarbeite ich weiterhin traumatisch. Kein Ende in Sicht……..

    Aus meiner Sicht war die Aussage einer Pflegekraft ursächlich.
    Sowohl bei der Entbindung, als auch 25 Jahre später bei der OP wurden mir Schmerzen abgesprochen, in beiden Situationen hatte ich Todesangst.

    Es wiederholte sich wortwörtlich der Satz: “ Sie können gar keine Schmerzen haben, denn sie haben ausreichend Schmerzmittel!“

    Bei der Entbindung „saß“ die PDA nicht korrekt und nach der OP erhielt ich Novamin, was bei mir einfach nicht wirkt. Und beide Male wurde mir nicht geglaubt.

  3. wrady says :

    Hat dies auf traumastop rebloggt.

  4. erleichtert says :

    danke, danke, danke!
    Das könnte ein Anhaltspunkt sein! Ich kann hier gar nicht alles aufschreiben, nur Stichpunkte: Laparoskopie -UM endlich schwanger zu werden- mit extrem verkompliziertem Verlauf und fast-verbluten, statt geplanter Hausgeburt eine Geburt über 39 Stunden, inkl. diverser PDA, Zangengeburt, Herztonabfall bei mir und Kind, Hebamme zum „reinhauen“ unsensibel, mein Kind hat mir im Wortsinn den „A….h aufgerissen“ mit allen Folgen..

    Ein Jahr später die postnatale Depression: ich war schon am überlegen, ob ich mit oder ohne Kind springe……SO eine Erleichterung, als ich erkannte, das es nicht „an mir“ lag…

    Wie weiter oben schon beschrieben: mir war klar, das ich einen Knacks bekommen hatte. Aber das zwei „Unterleibsgeschichten“ im Ergebnis ein TRAUMA darstellen, habe ich nie an mich rangelassen.. und das ist 20 Jahre her!

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